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Stiftungsratspräsident Walter Steinmann auf nachhaltigen Reisen

Von Wien ans schwarze Meer

Walter Steinmann, Stiftungsratspräsident Ökozentrum

TEIL IV: EPILOG

Knappe Velostellplätze im Railjet

Kurz ist vor dem Summary noch von der Heimreise ab Wien zu berichten: Ich traf von Bukarest her kommend morgens um 08.21 Uhr in Wien ein und war beinahe sicher, dass ich im Railjet nach Zürich Abfahrt um 09.30 Uhr weiterreisen würde. Zwar hätte ich als Person einen Sitzplatz erhalten, doch für Fahrräder war ein freier Platz frühestens nach fünf Tagen in einem Railjet buchbar, weil in jedem Zug nur gerade 5 Fahrräder mitgenommen werden können. Glücklicherweise war für den Mittag des folgenden Tages eine andere Zugskomposition mitsamt Gepäckwagen geplant, in welchem das Velo Platz fand und ich im dahinter angedockten SBB-Panoramawagen mich bequem machen konnte.

E-bikes – ein Boom-Markt

Ich habe weit über 1300 Kilometer mit meinem Flyer absolviert. Zwar habe ich dank der Elektrounterstützung extreme Anstrengungen vermieden und musste auch im steilsten Gelände kaum je absteigen. Aber das normale Trampen während täglich 5 – 7 Stunden war eine gute Fitnessübung und den Grad der Unterstützung konnte ich gezielt wählen: oft hatte ich auf Eco geschaltet, bergauf öfters auf Automat, kaum je auf High. Meist brauchte ich für meine Tagesetappe eine Akku-Ladung mit einer offiziellen Eco-Kapazität von rund 90 Kilometern, bei Gegenwind sowie Bergetappen war aber auch der mitgeführte Ersatz-Akku öfters in Gebrauch.

Wenn heute jedes dritte neu verkaufte Velo in der Schweiz ein E-Bike ist, dann ist aus einem Nischenmarkt eine breite Volksbewegung geworden: Veloferien sind in (deshalb sind die Velostellplätze in den Zügen teils auf Wochen ausgebucht), E-Bikes erlauben die Überwindung unserer hügeligen Landschaften und machen auch älteren Personen Mut, das Radfahren weiter zu betreiben. In den meisten Ländern hält die Velo-Infratruktur mit diesem Velo- und E-Bike-Boom nicht mit: beeindruckt haben mich die zahlreichen separat geführten Radwege in Österreich, Slowakei sowie Ungarn, welche in den letzten Jahren entstanden sind. Hier hat die Schweiz einigen Nachholbedarf…..

Wie steht es mit den CO2-Emissionen?

Natürlich haben sich nach meinem ersten Blog bereits einzelne Kritiker gemeldet und darauf hingewiesen, dass ja der von mir verwendete „Strom aus der Steckdose“ eben auch eine teils fossile Herkunft habe und ich deshalb nicht unbedingt sehr nachhaltig unterwegs sei. Ich habe kurz den Strommix der einzelnen besuchten Länder rausgezogen:

Der Anteil der fossilen Stromproduktion liegt in allen Ländern unter 50%, doch ist in einem Teil der bereisten Länder der Nuklearanteil weit über unserem schweizerischen Split. Alle Länder sind den EU-Zielen für Erneuerbare verpflichtet und haben bis 2020 sowie insbesondere dann bis 2030 massiv neuen Zubau an erneuerbaren Stromkapazitäten geplant. Dies habe ich auch an diversen grossen Anlagen gesehen, welche in den einzelnen Ländern im Bau sind oder im Hafen von Constanta, wo ein ganzer Platz voll mit Flügeln für Windräder belegt war.

CO2-Emissionen mit My Climate kompensieren

Doch mir ist bewusst: ich habe bei meiner Flyer-Tour fossilen Strom für meinen Akku gezogen, zudem haben wir zweimal einen PW benutzt und damit zum CO2-Ausstoss beigetragen. Auch von den nationalen Eisenbahngesellschaften wird wohl nicht nur erneuerbarer Strom verwendet, sodass ich auch da einen CO2-Anteil zu übernehmen hätte. Wenn ich nun auf den My-Climate-Rechner gehe, um meine Emissionen zu kompensieren, finde ich aber weder die Kategorie „E-Bikes“ noch die „Eisenbahnen“, deren CO2-Emissionen scheinen also beinahe vernachlässigbar. Damit kann ich nur gerade für meine beiden Autofahrten offiziell eine CO2-Kompensation leisten, was ein relativ kleiner Betrag ist. Mit Blick auf die überstandenen Gefahren mit bellenden/beissenden Hunden sowie die Landstrassen dominierenden Lastwagen habe ich mich aber entschlossen, nicht nur diese effektiven CO2-Emissionen zu kompensieren sondern über My Climate einen Kocher in Kenia zu spenden, wofür ich nun ein schönes CO2-Zertifikat als Erinnerung an meine Reise ans Schwarze Meer besitze.

Lebensstile für Nachhaltigkeit entscheidend

Auf der Reise ebenfalls bewusst geworden ist mir, wie stark Ressourcenverbrauch wie auch CO2-Ausstoss von unserem Lebensstil abhängt. Wenn wir eine grosse Zahl Güter, welche über weite Strecken transportiert wurden, konsumieren, dann sind diese – obwohl teils mit tollen Labels versehen und als Bioqualität zertifiziert – meist mit einem grossen ökologischen Fussabdruck belastet. Klar wurde mir dies beim Nachtessen in den Karpaten mit Alexas Grosseltern, wo alle Produkte mit Ausnahme des Brots vom Hof stammten und ohne das Schielen auf Label möglichst im Kreislauf der Natur hergestellt werden. Wir werden uns in den nächsten Jahren wohl vermehrt mit Fragen des Lebensstils und der Suffizienz befassen müssen, weil die technischen sowie ökonomischen Massnahmen zur Reduktion von CO2-Ausstoss sowie Ressourcenverbrauch an Grenzen kommen.

Wie weiter auf nächsten Bike-Reisen?

Mir hat die Veloreise grossen Spass gemacht, zusammen mit Freunden habe ich verschiedene neue Länder kennengelernt (wir hatten übrigens auf der ganzen Fahrt nie Streit, bei Bedarf wurden Konflikte über Abstimmungen entschieden). Velofahren gibt eine andere Perspektive: man nimmt die Landschaft, die Natur, die Bevölkerung viel unmittelbarer wahr und kommt leichter in Kontakt mit der Umgebung. Für eine nächste grosse Reise mit dem Velo stellt sich mir die Frage, ob ich diese wiederum mit einem E-bike absolvieren oder nach einem intensivem Training auf ein modernes Tourenvelo wechseln will. Der Entscheid ist noch nicht gefallen….

TEIL III

Von Bähnlern, Banditen und Badestränden

Früh machten wir uns am nächsten Morgen auf zum Pass, es war neblig, feucht und nieselte leicht. Der Weg glich teils eher einem Bachbett, doch wir erreichten nach einer halben Stunde die Passhöhe. Von dort führte ein holpriger, steiler Pfad ins nächste Tal, wir begrüssten unterwegs Hirten mit ihren Schafen und Rindern. Es waren keine Autos unterwegs, nur gerade zwei riesige Holztransporter kamen uns mit grossen Emballagen entgegen, die uns bekannt vorkamen: wir finden dieses Holz wohl in wenigen Wochen wieder in der lokalen Landi – ich heize damit meinen Schwedenofen ein, andere ihr Cheminée.

Ein Projekt für den nächsten Kohäsionsbeitrag?

André, Berni und ich waren uns einig: wenn auf dieser Strasse schon Güter Richtung Schweiz transportiert werden, dann sollte dieser Pfad doch mit dem nächsten Kohäsionsbeitrag der Schweiz für Rumänien ausgebaut und geteert werden. Die Chinesen haben ihr strategisch ausgerichtetes Seidenstrassenprojekt, wir sollten zumindest eine Holztransportstrasse Richtung Schweiz realisieren, die auch fahrradtauglich ist. Wir werden dies unserem Botschafter in Bukarest vorschlagen….

Nach einer Stunde hatten wir erstmals wieder geteerte Strassen unter den Rädern, wiederum kläfften Hunde vor den kargen kleinen Bauernhäusern und sprangen uns entgegen. Die Strassen wurden breiter und gepflegter, bald schon sahen wir in den Vorgärten und auf den Trottoirs kleine Stände errichtet, an denen Tomaten, Melonen, Aprikosen, Kartoffeln und Zwiebeln zum Verkauf angeboten werden. Teils sass ein Grossvater oder eine Grossmutter daneben, teils spielten auch Kinder dort, welche für den Verkauf zuständig waren. Die meisten von den Bauern produzierten Früchten und Gemüse aber auch das im Wald gefällte Holz werden auf schmalen Holzwagen transportiert, die von einem Pferd gezogen werden. Witzig für uns festzustellen, dass wir diese Gefährte mit unseren Velos problemlos überholen konnten.

EU investiert massiv – lokale Eliten anfällig für Korruption

An vielen öffentlichen Gebäuden, Strassen sowie anderen Infrastrukturprojekten sind Schrifttafeln und Banner mit dem EU-Logo zu finden: hier wird Regionalförderung mit Geld aus Brüssel betrieben, damit diese Dörfer und Kleinstädte eine attraktive Zukunft haben. In den Zeitungen mussten wir dazu lesen, dass immer wieder einzelne höhere Politiker und Bürgermeister verurteilt werden, weil sie dieses Geld in den eigenen Sack abgezweigt hatten: Antikorruption ist ein Thema, welches Rumänien seit Jahren umtreibt.

Bukarest – Paris des Ostens

Am zweiten Tag erreichten wir dann Bukarest: die Hauptachsen dreispurig, gepflegte Alleen, viel Verkehr, veralteter öV, die BMW- und AUDI-Dichte pro km2 dürfte wohl höher als in Bern sein. Mit dem City-Sightseeing-Bus liessen wir uns die wichtigsten Monumente zeigen und waren von Ceausescus grässlichem Riesenpalast schwer beeindruckt, dem zweitgrössten Gebäude der Welt gleich nach dem Pentagon. Bukarest wird nicht zu unrecht Paris des Ostens bezeichnet – es hat eine Leichtigkeit und ein dem „Quartier Latin“ ähnliches Studentenquartier mit vielen Beizen, Musik und guter Stimmung.

Weine und Kulinarik italienlike – mit hohem Genussfaktor

Nun hiess es Abschied nehmen: Andi und Berni fuhren Richtung Odessa, wo sie die Fähre nach Batumi zu erreichen hofften – ich bewegte mich Richtung Constanta am Schwarzen Meer fort. Meine Route führte mich durch riesige Weinberge und machte mir bewusst, dass nicht nur am Oberlauf der Donau, in der Wachau und in Wien, sondern auch in der Nähe der Mündung in Rumänien sowie Moldavien erstklassige Lagen für edle Weine existieren (mein Liebling: Purcari 1827). Die Küche Rumäniens ist zudem – wie die Sprache – jener Italiens nicht unähnlich: Pasta, Risotto, Fische – alles ziemlich mediterran und fein gewürzt, die Preise sind aber meist deutlich tiefer als in unserem Nachbarland.

Constanta ist nicht nur eine Hafenstadt mit vielen Kränen, riesigen Containerterminals, Bahnverladestationen etc. – Constanta hat auch riesige Sandstrände, an denen sich halb Rumänien im Sommer tummelt: Liegestuhl an Liegestuhl, Sonnenschirm an Sonnenschirm, Lounge an Lounge, Griechenbeisel neben Cocktailbar, Beachballfeld neben Kartrennbahn – das Ganze erinnert ein wenig an das Rimini der Sechzigerjahre, es kommt langsam Wohlstand auf, man kann sich Ferien leisten.

Kein Interesse an Ticketverkauf?

Die Rückreise per Zug mit Velo war voller Überraschungen: man hatte mir gesagt, für internationale Züge könne man in jedem Bahnhof einen Platz für das Velo im voraus reservieren, elektronische oder mailmässige Bestellungen seien aber nicht möglich. Im Bahnhof Constanta wollten sie davon nichts wissen, im Bahnhof Bukarest wollte ich darauf für mein Velo und mich Ticket und Reservationskarte für den Nachtzug am folgenden Tag kaufen. Aber die Schalterbeamtin schien mir und dem mich begleitenden Einheimischen dies alles nicht wirklich anbieten zu wollen: sie empfahl uns, erst am Reisetag die Buchung zu tätigen, denn es könnte ja sein, dass der Zug gar nicht fahre und dann könnte sie mir den Betrag nicht mehr vollständig zurückgeben, denn sie müsste eine Bearbeitungsgebühr abziehen.

Problemloser Transport – weil keine Quittung nötig

Beim neuen Anstehen am Reisetag stellte sich dann heraus, dass das IT-System bereits zwei Stunden vor der Abfahrt gesperrt worden war; leider hatte die Beamtin vergessen, uns dies mitzuteilen und nun liess sich kein Billett mehr erstellen. Aber wir sollten doch, so meinte sie, zum Schaffner gehen, der habe vielleicht eine Lösung. Als wir diesem zusicherten, dass ich keine Quittung brauche, lief alles schnell und problemlos. Ich erhielt ein ganzes Abteil mit Schlafkoje, der Schaffner selbst hievte mir das Velo in mein Abteil. Nachdem er sich bei meinem Bekannten erkundigt hatte, wieviel Geld ich denn in der Lokalwährung Lei bei mir hätte und ich diesem glücklicherweise zuvor zugeflüstert hatte, dass ich eben 1000 Lei gewechselt hätte, kostete mich die Fahrt nach Wien mitsamt Velotransport zufälligerweise 1000 Lei, was etwa 230 Fr. sind. Dieser Betrag wird nun wohl nicht zur Verringerung des Defizits der rumänischen Staatsbahnen CFR beitragen, aber den Wirtschaftskreislauf des Landes sicher irgendwie beleben.

Gaunerei – mehr als ein Randphänomen?

Kurz vor meiner Abreise in Bukarest wollte ich über Ticketcorner Karten für die Taufe der neuen Platte von Lo & Leduc kaufen. Während des automatischen Bestellvorgangs trat nach Angabe meiner Mastercard-Nummer plötzlich ein Stop ein und ich musste das Servicecenter der Organisation anrufen, um weiterzukommen. Dort wurde ich vorerst umfassend über mein Konto befragt, nachdem ich identifiziert worden war, gab man mir bekannt, dass dieser Stop bei allen Kreditkartenabhebungen aus Rumänien ab einem bestimmten Betrag automatisch erfolgt, zu zahlreich seien die Betrügereien aus diesem Raum gewesen. Nicht zufälligerweise ist denn auch auf der rumänischen Botschaft in Bern eine Person dafür verantwortlich, Polizei, Justiz und Strafvollzugsbehörden in der Schweiz bei ihren Verfahren zu unterstützen. Aber allgemeine Klischées und Vorurteile gegenüber Rumänen sind unangebracht: ich habe beinahe nur nette, freundliche und hilfsbereite Leute in den vergangenen Tagen kennengelernt; zudem waren die Angebote, Preise und Abrechnungen immer fair – keine Abzockerei wie ich sie an anderen Orten in Europa öfters erlebt habe. Rumänien: ich komme wieder!

TEIL II

Erste rumänische Impressionen

An der Schengen-Aussengrenze
Die Grenze von Ungarn zu Rumänien in Battonyai war für uns ungewohnt: wir mussten den Pass resp. ID zeigen, welche elektronisch kontrolliert wurden. Zudem wurden wir darauf hingewiesen, dass Rumänien eben nicht Teil des Schengen- Dublinraums sei und deshalb eine umfassende Kontrolle stattfände – aber man nahm das Ganze ziemlich locker und klopfte mit uns Sprüche.

Hinter der Grenze sahen wir Frachthöfe in grosser Zahl, wo Waren aus der ganzen Grossregion rund um das Schwarze Meer für die Verteilung in Europa komissioniert und für die Spedition vorbereitet werden. Lastwagen fahren mit hoher Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf die kleinen Velofahrer über die Strassen, meist Richtung Grenze. Es wurde von den LKW-Fahrern permanent gehupt, damit wir gewarnt waren: Wir hatten das Risiko auf unserer Seite, wenn die Laster derart nah an uns vorbeifuhren, dass wir unsere Lenker festhalten mussten, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen und zu stürzen.

Grüsse an Blocher

Das Nachtlager bezogen wir im nahen Radna/Lipova, vermittelt von einem Kärntner, der nach seinen eigenen Worten aus „Haiderland“ stammt: wir sollten unbedingt den Blocher grüssen, das sei noch einer der wenigen standhaften Politiker. Geld macht der Haider-Fan mit dem Export von schönen Natursteinen, die er im Norden Rumäniens von Zigeunern ausbuddeln lässt, sowie mit Käse, der in dieser Region eine ausserordentliche Qualität aufweise.

Hermannstadt – eine Perle in Transsilvanien

Am darauffolgenden Tag regnete es in Strömen und wir suchten eine Alternative zum Radeln. Am Bahnhof wurden wir vorerst mal angewiesen, mit unseren Fahrrädern den Perron nicht zu betreten, denn es sei eben geputzt worden – und wir erfuhren, dass erst gegen Abend ein Zug fahre. Wir besuchten in der Folge ein Café, in welchem uns ein cleverer IT-Crack nach wenigen Telefon-Calls einen Transport nach Hermannstadt organisiert hatte. Mitte des Nachmittags erreichten wir die Hauptstadt Siebenbürgens, die wegen der Nähe zu Draculas Transsilvanien bei uns einen eher schauerlichen Ruf hat. In Realität ist Hermannstadt aber eine gepflegte Stadt mit vielen deutsch anmutenden gepflegten historischen Bauten sowie einer einladenden Flaniermeile, in welcher an diesem Samstagabend nicht nur Gitarrenkonzerte sondern auch eine hochprofessionelle Modeschau geboten wurden.

Fahren bei Regen: Kontakte bei Bier und Café

Am Sonntag nahmen wir Abschied von Hermannstadt, fuhren die ersten Kilometer bei gutem Wetter entlang eines Flusses, doch schon bald begann es zu regnen. Wir flohen vor den aufkommenden heftigen Schauern in ein kleines Bus-Wartehäuschen und mussten uns später trotz Regen wieder auf die Strasse wagen. Wir waren bald im Gebirge angelangt und die Wege waren ungeteert sowie matschig. Nach einem längeren anstrengenden Aufstieg sahen wir am Wegrand einen kleinen Laden: im Vorraum tranken drei Personen Bier und wollten uns unbedingt zu einem Kaffee einladen. Wir sagten gerne zu und fanden uns bald in höchst völkerverbindenden Diskussionen, bei der alle die Sprache des Gegenübers nicht verstanden. Wenig später brauste ein noch mit deutschen Bezeichnungen wie „Heizungsplanung“ und „Sanitär-Installationen“ beschrifteter alter Kleinlaster heran, der uns einige Kilometer mitzunehmen versprach. Gerne sagten wir zu, luden unser Bikes auf die Ladefläche und machten uns dort breit.

In den Bergen: auch Schweine auf der Strasse präsent

Am Anfang des nächsten Tales hiess es Abschied nehmen, uns wurde bedeutet, dass dort hinten ein Pass mit über 800 Metern Höhe auf uns warte. Die Strasse war recht steil und völlig aufgeweicht, wir kamen nur mühsam voran. In jedem Weiler kläfften Hunde und verfolgten uns. Nach beinahe zwei Stunden erreichten wir nicht das Ziel sondern einen weiteren Minimarkt als zentralen Treffpunkt in einem Mini-Dorf: ein Autoradio schepperte überlaut Volksweisen, die Dorfjugend spielte in der Laube Karten und die Älteren tranken gemeinsam Bier. Die Frauen holten bald die Kühe von der nahen Weide und wir wussten, dass wir weiter kommen mussten, denn auf dem Pass sollten wir in einer Pension übernachten können. Nach einer weiteren halben Stunde Weg waren nicht mehr nur Hühner, Gänse und Schafe auf der Strasse, sondern auch zwei Schweine begrüssten uns grunzend. Wenig später standen drei Generationen einer Bauernfamilie am Strassenrand und gaben uns einen Handyanruf weiter: Wir wurden informiert, dass die Pension auf der Passhöhe derzeit nicht geöffnet sei und wir als Alternative in einem Chalet übernachten könnten. Wir sagten gerne zu, insbesondere weil uns auch noch ein Nachtessen bei der Bauernfamilie in Aussicht gestellt wurde.

Vom Selbstversorger zur Gymnasiastin in Deutschland

Beim frugalen Essen erfuhren wir, dass die Grosselterngeneration als Hofbesitzer noch als echte Selbstversorger lebt. Zum Hof gehören 1 Kuh, 1 Pferd, 2 Schweine und 40 Hühner – täglich wird aus 7 Liter Milch ein Käse hergestellt. Im Sommer werden Kartoffeln, Tomaten, Gurken sowie Mais angepflanzt. Der Sohn ist nach Deutschland ausgewandert und hat sich in den vergangenen dreizehn Jahren vom einfachen Erntehelfer/Landarbeiter zum technischen Allrounder für einen grösseren Bauernbetrieb hochgearbeitet, der seine Heimat nur noch in den Ferien besucht. Die zehnjährige aufgeweckte Grosstochter Alexa hat eben in Deutschland die Aufnahme ins Gymnasium geschafft – sie hat beim Essen zwischen den Grosseltern und uns übersetzt, die Unterschiede erklärt und sich für alles unserer Reise interessiert. André war von dieser geglückten europäischen Integration derart angetan, dass er Alexa gleich einen Göttibatzen übergab.

Rumäniens wirtschaftliche Dynamik und Potentiale

Das sind wohl die derzeitigen Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens: viele nehmen Jobs im europäischen Ausland als Landarbeiter, Putzfrauen und Hilfskräfte an und schicken Geld nach Hause, mit dem dann Häuser gebaut oder renoviert werden. Zahllos grüssen vom Strassenrand die Betonmischer, die meisten Gebäude sind noch nicht fertig gebaut sondern werden jeweils nach Eingang der nächsten Zahlung vorangetrieben: es fehlen noch die Fenster, es muss noch isoliert und ein Heizkessel installiert oder die Aussenfassade verputzt werden.

Daneben haben verschiedene internationale Konzerne Rumänien als Standort für arbeitsintensive sowie kostengünstige Massenproduktion wie etwa Kleider auserkoren. Doch ist weit mehr an Potential vorhanden: nicht nur hat Renault ein technisches Kompetenzzentrum eröffnet, auch mittelgrosse Firmen aus nördlichen Ländern Europas schwärmen von der hier noch vorhandenen technisch-mechanischen Kompetenz gepaart mit Ingenieurwissenschaft und haben hier Tochtergesellschaften errichtet, in denen mit hoher Qualität produziert wird.

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TEIL I

Die Idee

Mein Freund André nimmt sich zusammen mit seinem Bruder seit seiner Pensionierung jedes Jahr eine grosse Velotour ab Bern vor: 2017 visierte er Moskau an, 2018 umkurvte er den Picadilly Circus in London und 2019 ist Erivan in Armenien sein Ziel. Um einmal ein derartiges Abenteuer mit zu erleben, sicherte ich ihm zu, ihn auf einer Teilstrecke zu begleiten. Er meinte, dass ich als kleinen Eintrittstest doch zuerst mal Bern – Olten retour unter die Räder nehmen sollte. Ich fuhr morgens recht früh von Ittigen mit meinem Villiger Geneva 1995 weg und musste mir in Olten eingestehen, dass eine derartige Strecke zwar einmal für mich bewältigbar ist aber nicht in Serie Tag für Tag hingelegt werden kann. Ich fragte deshalb den Flyer-Initianten Kurt Schär an, ob er mir für die Fahrt einen Flyer leihen würde, was dieser bejahte.

Meine ersten Flyer-Erfahrungen

Da ich seit Jahren keinen Flyer gefahren war, nahm ich vorerst mal die Strecke Burgdorf – Langenbruck unter die Räder, um an der Stiftungsratssitzung des Oekozentrums teilzunehmen. Bei weit über 30 Grad schaffte ich die lange Strecke im Mittelland und den Aufstieg zum oberen Hauenstein problemlos und genoss die elektrische Unterstützung meiner Tretbewegungen sehr: meist wählte ich den Oeco-Modus, bergauf schaltete ich auf Standard. In der Folge sagte ich definitiv zu, André von Wien ans Schwarze Meer zu begleiten. Als grösseres Problem erwies sich das Planen der Rückreise, da weder bei der SBB noch im Internet Informationen zu finden waren, ob man ab Bukarest einen Flyer per Zug zurück in die Schweiz bringen kann. Ein Flug kam nicht nur wegen der CO2-Emmissionen nicht in Frage: E-bikes können wegen der brennbaren Akkus nicht als Gepäck im Flugzeug mitgeführt werden.

Die Anreise und der erste Tag

Die Hinreise nach Wien gestaltete sich problemlos: im Railjet konnte ich ab Zürich den Flyer mitsamt meinen Satteltaschen im Veloabteil deponieren und im HB Wien ausladen. Mit meinen Freunden, welche die Route über Süddeutschland und entlang der Donau über Passau sowie die Wachau absolviert hatten, traf ich mich zum Nachtessen in meinem Lieblingsrestaurant Schubert Meridian und genoss einen feinen Tafelspitz. Am anderen Morgen um 8 Uhr machten wir uns auf den Weg: den bestens ausgeschilderten, autofreien Donau-Auen entlang erreichten wir am Mittag die slowakische Hauptstadt Bratislava, wo wir uns nach einem kurzen Stadtrundgang einen feinen Salat gönnten. Im Laufe des Nachmittags überquerten wir die Grenze zu Ungarn und den Abend verbrachten wir im Barockstädtchen Györ: knapp 150 Kilometer hatten wir am ersten Tag geschafft.

Landschaften

Entlang vieler Sonnenblumen-, Korn- und Maisfelder kamen wir am zweiten Tag voran, am Wegrand blühten schöne blaue Wegwarten in grosser Zahl. Überall war die Getreideernte im Gang: grosse Maschinen sammelten auf immensen Feldern das Getreide ein und formten riesige Strohballen. Zwischendurch fuhren wir durch Wälder, überquerten Brücken, genossen einen Kaffee in einem kleinen Dorf und grüssten freundlich die Einwohner. Am Mittag waren wir in Tata, wo uns der Restaurant-Tipp Platan sowie die als Toscana Ungarns gepriesene Landschaft derart überzeugten, dass wir gleich blieben, den Nachmittag am See verbrachten und am Abend ein feines Nachtessen genossen: na dann waren es ausnahmsweise nur etwas mehr als 80 km am zweiten Tag. Weiter ging darauf die Reise quer durch Ungarn, wobei wir Budapest umfuhren, aber durch zahlreiche kleine Dörfer, Weiler und Städte radelten.

Strassen, Radwege und Sand

Überraschend zahlreich die separat angelegten Radwege in Ungarn, nur ein einziges Mal hatten wir Angst: Mit Sand und Kies beladene Lastwagen fuhren in grosser Zahl auf einer recht schmalen Betonstrasse an uns vorbei. Sie transportierten Sand und Kies aus den umliegenden Gruben zu den zahlreichen Baustellen, denn in Ungarn ist ein eigentlicher Bauboom. Wir flüchteten auf Nebenwege und mussten schon bald unsere Fahrräder stossen, weil auf dem sandigen Untergrund das Fahren unmöglich war. Das Mittagessen nahmen wir in einer kleinen Kneipe ein, wir waren die einzigen Gäste, es gab eine ungarische Interpretation von Hamburger, durchaus ein Genuss.

Abwanderung und neue Jobs

Zahlreich die Fragen und Begegnungen mit Leuten auf der Strasse und in Kneipen. Von der älteren Generation sprechen nur wenige Englisch, die Jüngeren lernen die Sprache über US-Songs, Fernsehserien und in der Schule. Wir konnten uns aber mit beinahe allen verständigen und erfuhren, dass nicht wenige Verwandte und Bekannte haben, welche in der Schweiz als Pflegerinnen, IT-Cracks, Serviceangestellte etc. arbeiten und und Geld nach Hause schicken. Insbesondere die gut ausgebildeten Jüngeren sehen ihre Zukunft im Westen, sie studieren im Land und wollen dann weg. Die Bevölkerung Ungarns schrumpft…

Viele neue Fabrikgebäude werden hochgezogen: internationale Firmen verlagern die Produktion nach Ungarn, weil die Löhne sowie Anstellungsbedingungen attraktiv sind und mit der Mechanisierung der Landwirtschaft Arbeitskräfte frei werden. Mit der Regierung Orban sind nicht alle zufrieden: einer erklärte uns, dass sich Orban mit seinem Regime in die Richtung des verhassten rumänischen Ceausescu bewege – das sei ein grosses Problem…..

Bikers are crazy people

Noch sind die Radfernwanderer nicht zahlreich, aber wir haben einige Gruppen sowie auch Einzelpersonen gesehen und uns mit ihnen unterhalten. 80 – 90% der Strecken sind dank Radwegen sowie -streifen problemlos zu bewältigen, der Rest ist dann oft wegen des grossen Verkehrsaufkommens nicht ganz ungefährlich: aber eben, Bikers sind „crazy people“, sie suchen auch ein wenig das Abenteuer. Ein tschechischer Ingenieur gab uns den besten Tipp: nutzt das App Mapy.cz. Ab sofort verwendeten wir nur noch dieses und vergassen Google-Map: denn so konnten wir die besten Varianten für Velofahrer beinahe metergenau voraussehen und entsprechend rascher sowie risikoloser vorankommen. Witzig, dass auf diesem App auch Wanderer, Kanuten sowie Schneewanderer die beste Route finden können.